Werks- und Musterhaussiedlung in Niesky


© Foto: Museum Niesky

02906 Niesky: in der sächsischen Kleinstadt Niesky, 20 Bahnminuten von Görlitz entfernt, baute die damals größte europäische Holzbaufirma “Christoph & Unmack AG” (C&U) vier Werks- und Mustersiedlungen in Holzbauweise mit zusammen 317 Wohnungen in 114 Häusern. Davon bis heute als Siedlungen gut erhalten sind ca. 100 Musterhäuser mit mehr als 250 Wohnungen, die zum größten Teil im ursprünglichen Zustand und die meisten unter Denkmalschutz stehen. Realisiert wurden sie zwischen 1918 und 1940.

Adresse: Goethestrasse 6

Die vier Werks- und Mustersiedlungen in Holzbauweise
Die Werksiedlungen sind fast ausschließlich in Tafelbauweise in den eigenen Werkstätten für die eigenen Arbeiter errichtet worden. Die Wohnbauten für die Mitarbeiter des Werkes dienten gleichzeitig als Musterhäuser. Fast 100 Holzbauten in vier Siedlungen sind weitgehend in ihrer Originalsubstanz erhalten und befinden sich in Nutzung. C&U realisierte Bauten in unterschiedlichen Konstruktionsweisen. Die Gebäude in Niesky ermöglichen einen guten Überblick über den damaligen Stand der technischen Entwicklung des beginnenden industrialisierten Holzbaus und den Anfängen des Fertighausbaus. Massgeblichen Einfluss auf die Fertigung der Häuser hatte Konrad Wachsmann, der 1926 bis 1929 Chefarchitekt von C&U war und der weltweit als Pionier des industriellen Bauens gilt. Er arbeitete mit namhaften Architekten wie Hans Scharoun, Henry van de Velde, Albinmüller oder Hans Poelzig zusammen. Heute führt ein Leitsystem durch die vier Holzhaussiedlungen in Niesky.

Das Holzbau-Museum “Wachsmann Haus”
Eines der schönsten Holzgebäude in Niesky ist das „Direktorenwohnhaus“ (Goethestraße). Der moderne Blockbau wurde 1927 nach einem Entwurf von Konrad Wachsmann ausgeführt und ist neben dem Sommerwohnhaus für Albert Einstein in Caputh der einzige in Deutschland noch erhaltene Holzbau von Konrad Wachsmann. Es wurde 2010 bis 2014 denkmalgerecht saniert und wird seither als Ausstellungsgebäude genutzt. Es zeigt neben der Dauerausstellung über die geschichtliche Entwicklung des industriellen Holzhausbaus, der Firmengeschichte von Christoph & Unmack sowie dem Leben und Wirken Konrad Wachsmanns auch wechselnde Ausstellungen.

Preiswerte Holzbauweise
Die Holzfertigteile wurden als Tafel- und in Blockbauweise erstellt. Als besonders lukrativ erwies sich die damals neuartige Tafelbauweise, die einen hohen Vorfertigungsgrad ermöglichte und kurze Montagezeiten auf der Baustelle erzielt werden konnten. Durch die industrielle Serienfertigung konnten die Baukosten um etwa 15 Prozent geringer sein im Vergleich zu mineralischen Bauweisen und das bei einem deutlich besseren Wärmeschutz.

Wärmeschutz
1919 ließ C&U die Wärmedämmfähigkeit seiner Holzwände in der Versuchs- und Materialprüfungsamt in Dresden überprüfen. Als Referenz diente eine beidseitig verputzte 38 cm dicke Vollziegel-Wand. Verglichen wurde eine 7 cm dicke C&U-Blockwand und eine 8,5 cm dicke Holztafelwand. Die Blockwand erzielte eine Einsparung von knapp 40 % und die Tafelbauweise eine Einsparung von knapp 30 % gegenüber der Vollziegel-Wand. Vor dem Hintergrund der Kohleknappheit nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland stellte der gute Dämmwert ein gutes Argument für den großflächigen Einsatz von Holzhäusern dar.

Historische und baukulturelle Einordnung
“Ausgangspunkt für die Entwicklung des modernen Holzbaus ist der Fachwerkbau. Über zwei Millionen bestehende Fachwerkgebäude zeugen in Deutschland von der kulturgeschichtlichen Bedeutung dieser Holzbautechnik. Die historischen Wurzeln dieser Bautechnik reichen zurück bis in die Steinzeit. Über Jahrhunderte war der Fachwerkbau die traditionelle Bauweise für städtische und dörfliche Gebäude. In Nordamerika Anfang des 19. Jahrhunderts zum Balloon framing bzw. Platform framing weiter entwickelt wurde diese Bauweise in den 1920er Jahren wieder nach Deutschland ,reimportiert’. In der Folge wurden von Architekten wie Konrad Wachsmann, Ernst Neufert oder Egon Eiermann, Rudolf Schroeder und Richard Doecker zahlreiche Projekte des Neuen Bauens in Holzbauweise errichtet.” (Dederich 2013)

Veröffentlichungen
– Stadt Niesky / Museum Niesky (2006): Holzbauten der Moderne – Architekturführer Holzbauten in Niesky. Niesky
– Museum Niesky (2015): Holzbauten der Moderne: Die Entwicklung des industriellen Holzbaus. Dresden; Blick ins Buch: https://verlag.sandstein.de/reader/98-165_Holzbauten/34/
– Dederich, Ludger (2013): Die Dauerhaftigkeit von Holzbauten im gesellschaftlichen Blickwinkel. Vortrag am 19. Internationales Holzbau-Forum 2013. Vortrags-Skript als pdf

Links
Forum Konrad-Wachsmann-Haus Niesky: https://wachsmannhaus-niesky.de
dach + holzbau 2018: www.dach-holzbau.de/…firmenportrait-die-fertighaeuser-von-niesky…
Giese, Wolfgang (2016): Holzbauten der Moderne in Niesky / Werk- und Musterhaussiedlungen der Firma Christoph & Unmack AG, Niesky/OL



Zuletzt aktualisiert: 10. März 2021

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